domingo, 17 de febrero de 2008

GERMAN



C.G. JUNG'S REHABILITATION DER GEFÜHLSFUNKTION IN UNSERER ZIVILISATION


Als 21-bis 23-jähriger Medizinstudent hielt Jung 4 Vorlesungen vor seinen Mitstudenten in der Zofingia-Burschenschaft in Basel. In einer davon, 1897, zitiert er folgende Passage aus Kants Psychologie: «Die Hauptsache ist immer die Moralität; dieses ist das Heilige und Unverletzliche, was wir beschützen müssen, und dieses ist auch der Grund und Zweck aller unserer Spekulationen und Untersuchungen. Alle metaphysischen Spekulationen gehen darauf hinaus. Gott und die "andere Welt" ist das einzige Ziel aller unserer philosophischen Untersuchunge, und wenn die Begriffe von Gott und von der "andere Welt" nicht mit der Moralität zusammenhingen, so wären sie nichts nütze».

Dann - nach einem scharfen Angriff auf den Materialismus seinerseits im allgemeinen - fährt Jung fort: «Man muss in erster Linie als "Revolution von oben herab" der Wissenschaft und ihren Vertretern Moral aufnötigen durch gewisse transzendente Wahrheiten [...] Man muss z.B. in den physiologischen Instituten, wo man absichtlich die moralische Urteilskraft der Studenten schwächt durch schändliche, barbarische Experimente, durch grausame, jeder Menschlichkeit hohnsprechende Tierquälereien-in solchen Instituten sage ich, muss man lehren, dass keiner Wahrheit, die auf unsittlichem Weg erforscht werde, eine moralische Existenzberechtigung zukomme». (Unterstreichung von mir).

Darauf kehrt Jung zu Kant zurück und unterstreicht dessen Idee, dass nur der Glaube an Wirklichkeiten, die jenseits der grobmateriellen Welt liegen, eine moralische Lebenseinstellung des Menschen garantieren können. Was ich durch diese Zitate hervorheben will, ist das: Jung war an sich ein introvertierter Denktyp, aber sogar in diesem Jugendvortrag kommt sein Gefühl zum Ausdruck. Er war nie ein kalter Intellektueller. Seit diesem Vortrag sind 84 Jahre verstrichen, und wo stehen wir heute in Bezug auf dieses Problem?

Die grausame Tortur von Tieren hat sich nicht nur in den wissenschaftlichen Laboratorien, sondern auch neuerdings in der Landwirtschaft vertausendfältigt und sich folgerichtig ausgedehnt auf die Folterung von zahllosen Menschen in aller Welt. Militärexperten rechnen heute kaltblütig, wie in einem Atomkrieg Millionen Menschen vernichtet werden könnten. Zugegeben - es ist ihr Beruf, aber man merkt nicht mehr, dass sie schockiert oder deprimiert sind, wenn sie so rechnen müssen. Doch diese Tatsachen sind bekannt, so wende ich mich zunächst lieber dem Naherliegenden zu, nämlich unserem Eigengebiet: der Psychologie. An den Universitäten ist dort die Statistik Trumpf, nur «harte», d.h. statistische Aussagen werden ernst genommen. Jung hat jedoch langstens den Finger auf den wunden Punkt gelegt: die Statistiken beschreiben nur ein intellektuell - abstraktes Bild des untersuchten Objekts, nicht dessen Wirklichkeit: wenn wir z.B. feststellen, dass in einem Haufen Steine diese im Durchschnitt 1/2 Kg. wiegen, werden wir in Wirklichkeit fast keinen einzigen Stein von genau diesem Gewicht finden! So konstruieren wir ein abstraktes Wirklichkeitsmodell und vermengen es dann mit der aktuellen Wirklichkeit, die aber genauer gesehen aus lauter Ausnahmen besteht. Alle mathematisch fundierten Wissenschaften gehen diesen Weg, und weil Jung nicht mitmachte, beschuldigt man ihn, «unwissenschaftlich» zu sein -vielleicht ist dies sogar wahr, aber Jung ist realistischer. In der Therapie hob Jung die Distanzierung im weissen Mantel des Arztes auf, die den Patienten als ein unpersönliches Objekt behandelt- er begegnete jedem Patienten mit seinem persönlichen Gefühl, sei es positiv oder negativ, und machte so jede Analysestunde zu einer persönlichen Begegnung. Jung-Schüler, we1che wieder technische Verfahren einschmuggeln wie das geforderte Diskutieren der Uebertragung, sind einfach wieder in eine vorjüngsche Denkweise regrediert. Dies betrifft besonders das sogenannte Problem der Uebertragung, d.h. eben der Gefühlsbeziehung, die aber als eine manipulierbare Grösse behandelt wird.

In einem Brief schreibt Jung ausdrücklich: «Die Auflösung der Uebertragung besteht oft einfach darin, dass man aufhört, seine Beziehung als Uebertragung zu bezeichnen. Dieses Wort entwertet die Beziehung zur blossen Projektion, die sie nicht ist. Uebertragung besteht in der Illusion von ihrer Einzigartigkeit, wenn man sie vom kollektiven und konventionellen Standpunkt sieht. "Einzigartigkeit" liegt nur allein zwischen individuierten Menschen, diese haben keine anderen Beziehungen als individuelle, d.h. einzigartige»(l). Deshalb - so muss man schliessen - sollte das Wort Uebertragung nur dort verwendet werden, wo man absichtlich irgendwelche illusionären Projektionen zu entwerten strebt, aber nicht für die Gefühlsbeziehung, die sich im Laufe der Behandlung langsam aufbaut.

Natürlich ist eine falsche Güte und alles ertragende Freundlichkeit, wie sie gewisse Analytiker ihren Patienten zeigen, ebenso falsch - sie folgt der alten Rolle des Praktischen Arztes und dient als Tarnmittel, um die echten eigenen Gefühle nicht ausdrücken zu müssen, Gefühle, die oft gar nicht all-liebend sind, d.h. also um Reibungen und Konfrontationen auszuweichen. Diese Persona-Freundlichkeit ist ein Derivat christlicher Sentimentalität, worauf ich später noch zurückkommen werde.

Doch zunächst zurück zum Problem der Wissenschaften: Unsere moderne wissenschaftliche und technologische Welt und ihre Lebensweise ist hauptsächlich aufgebaut von Wissenschaftlern, deren Hauptfunktion extravertiertes oder introvertiertes Denken ist, gekoppelt mit extra - oder introvertierter Empfindung. In der Physik z.B. ziehen die Introvertierten wie Einstein, Bohr, Pauli usw. die theoretische Physik vor; die Extravertierten wie z.B. Wernher von Braun die experimentelle Physik. Die Intuitionsfunktion ist auch nicht ganz ausgesperrt, weil man spekulative Einfälle braucht, um neue Denkmodelle zu finden. Aber das Gefühl ist nirgends, meistens nur in kindischen, wohlmeinenden Sätzen geäussert, die allesamt das Wörtchen «sollte» enthalten. Und mit Ausnahme von Niels Bohr haben all die erwahnten Physiker bei der Herstellung der Atombombe mitgearbeitet oder mitarbeiten wollen! Heute besteht bei den Physikern in den USA ein Trend zur hinduistischen Philosophie, die zwar antimaterialistisch ist, aber das Leben des lndividuums für nichts erachtet.

Wie unmenschlich die moderne Medizin geworden ist, bedarf keiner Ausführungen. Die Zeitungen sind voll davon, aber geschehen tut fast nichts. Man kann deshalb die einsame Pionierarbeit von Dr. Elisabeth Kübler-Ross nicht hoch genug einschätzen, die einen Schritt in die richtige Richtung wagte.

Ein anderes Gebiet, wo unser Gefühl kläglich versagt, ist die sog. Entwicklungshilfe. Der Arzt Benno Glauser hat darüber einen ausgezeichneten Artikel in der Zeitschrift des Schweiz. Roten Kreuzes (2) verfasst. Er entlarvt, wie wir Völkern von anderen Kulturen zu «helfen» versuchen, indem wir aber zugleich ihnen unsere Religionen oder wissenschäftlichen Ansichten aufzuzwingen versuchen und so ihre eigene geistig-religiöse Lebensgrundlage zerstören. Unsere Aerzte, Missionäre, Planer und landwirtschaftlichen Berater gehen alle von der Voraussetzung aus, dass wir «wissen», was richtig oder falsch für die anderen ist, und sie sind dann jeweils enttäuscht und erbost, wenn diese Leute unsere Hilfe mit Apathie, Widerstand und sog. Undankbarkeit ablehnen. Ich möchte aus Glausers Artikel zitieren, was ein Pai-Indianer in Paraguay einer medizinschen Helferin sagte (3): «Für uns Pai ist die Gesundheit ein Zustand, den wir «tekoresai»nennen; damit die der «Zustand des Gesundseins» gewährleistet ist, müssen verschiedene Dinge und Sachverhalte gegeben sein; sie alle gehören zum «Zustand des Gesundseins» und machen ihn aus: die Pf1anzen und Bäume, einzeln genommen als Heilmittel; aber auch alle Pflanzen und Bäume zusammen; wahre und ausgewogen gesprochene Worte, gute Nahrung; Nicht-über-die-Köpfe-der-anderen­hinweg-Handeln; der Urwald, die Harmonie, die Dorfgemeinschaft; mit anderen sprechen und Gespräche führen; die Aufrechterhaltung unserer «Art zu sein»; unsere eigene Kultur unfl Wesensart leben; das Gefühl der Kraft, das uns durch all die Dinge, die ich erwähnt habe, gegeben wird; das Zusammenhalten unserer Gemeinschaft; ruhig und in Sicherheit in unserem Land leben; das Zusammenleben in der Familie und in der Dorfgemeinschaft; die Feste. - Dann kommt Ihr Weissen und macht uns abhängig vom Geld und von anderen materiellen Dingen: dies zerstört unseren "Zustand des Gesundseins". Ihr führt schlechte Reden, sprecht schlecht über andere; Ihr nehmt unser Land weg, kein Land heisst nichts zu essen; nichts zu essen bedeutet Krankheit. Und am Schluss greift Ihr in Euere Tasche, zieht eine kleine weisse Pille heraus und wollt uns glauben machen, dass darin, dass wir diese Pille essen, die Gesundheit liege, dass diese Pille Gesundheit sei...»

All unser zerstörerisches Tun beruht, wie Glauser betont, auf einem grundlegenden Mangel an Respekt für den anderen Menschen und seine andersartigen kulturellen Gefühlswerte - mit anderen Worten einem Mangel an echtem differenzierten Gefühl. Wir wissen im Grunde genau um diese katastrophalen Wirkungen unseres Benehmens und um den wachsenden Hass anderer Nationen gegen die weisse Rasse, aber wir scheinen nicht imstande zu sein, etwas dagegen zu tun.

Man braucht jedoch nicht so weit bis zu entlegenen Völkern zu gehen, die gleiche gefühllose Einstellung herrscht auch bei uns von einer Gruppe zur anderen vor Unsere Stadt-und Regionalplaner z.B. entwerfen an ihrem Reissbrett Stadt-und Strassenpläne welche nachher das Lebensglück unzähliger Menschen vernichten. Sie denken kaltblütig, dass wenn ein enteigneter Landwirt eine adaequate Geldentschädigung oder Ersatzland erhält, die Sache gerecht erledigt sei. Dass die der Bauer aber vielleicht sein spezielles Landstück liebt, zählt nicht. Oder wir holen alte Leute aus ihren Slum- Wohnungen heraus, wo sie Katzen halten und Vogel füttern, und wundern uns dann, wenn sie prompt in ihrer neuen sogenannt besseren, hygienischeren Umgebung sterben, wo keine Katzen und Vogel Schmutz machen.

Aber was sollen wir dann tun? Unsere Politik und weitergehend unsere Gesetzgebung ändern? Denn letztere behandelt offensichtlich diese Probleme? Erich Neumann hat in einer militanten Weise in seinem Buch «Tiefenpsychologie und neue Ethik» neue moralische Tafeln aufstellen wollen, sein Buch hat Eindruck gemacht, aber im Grund keine Resultate gezeitigt. Wahrscheinlich ist das nicht der Weg, um mit dem Problem umzugehen. Ich glaube, der 22-jährige C.G. Jung hat den Finger auf den Hauptpunkt gelegt, nämlich, dass wir zuerst die «Wirklichkeit der Seele», d.h. des Unbewussten anerkennen müssen und damit auch die Wirklichkeit des Gottesbildes oder des Selbst, und einer transmateriellen Realität, bevor wir irgend etwas anderes anpacken. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Ich gab vor nicht langer Zeit hielt in Deutschland eine Vorlesung über Traume von Sterbenden, welche auf ein mögliches Leben nach dem Tod hinzuweisen scheinen. Nach der Vorlesung kam eine Krankenschwester in Tränen zu mir und sagte: «Was Sie sagten, kann und darf nicht wahr sein, denn sonst müsste ich mir so schreckliche Dinge eingestehen...!» Sie sagte nicht was, aber sie hat offenbar sterbende Patienten schlecht behandelt - vielleicht bestohlen - in der Meinung, sie seien schon nicht mehr bewusst da, sodass ihre Tat keine Konsequenzen mehr hatte. Aber natürlich, wenn ihre Seele noch da und herum war? Das wäre eine andere Sache. Es ist kein Zufall, dass Dr. Kübler-Ross sich nun, wie ich höre, mit Spiritismus abzugeben beginnt. Es ist die logische Fortsetzung ihrer Arbeit mit Sterbenden, wenn man nicht wie wir von der Wirklichkeit des Unbewussten überzeugt ist. Ihr Gefühl leitet sie folgerichtig zu diesem Schritt.

In allen Religionen aller Zeiten bestand und besteht die Vorstellung eines Gottes oder von Göttern und von einer «jenseitigen Welt» von nicht materiellem Leben, und nur das allein kann das Fundament wirklicher Ethik bilden. «Abweichung vom Numen», schreibt deshalb Jung, «scheint überall und immer als das schlimmste und ursprünglichste Böse zu gelten». (4)

Und umgekehrt ist das Wesen aller Ethik auf dem Phänomen des Gewissens begründet, d.h. auf einer Gefühlsbeziehung zwischen dem «Einzelnen und dem Transzendenten» (5) oder dem Archetypus des Selbst.

Was wir hingegen in der grobmateriellen Welt erleben, ist überall ungerechtes Leiden und ein Triumph der Ungerechtigkeit. Durch Anständigkeit gilt man als der naive Dumme, wenn man sie anwendet. Das unschuldige Leiden der frühchristlichen Märtyrer übte zum mindesten eine Wirkung auf die Masse aus und bekehrte so viele zum Christentum. Aber wer erinnert sich heute noch des Namens jenes jungen deutschen Schullehrers, der freiwillig mit seinen jüdischen SchuIkindern in die Gaskammer ging, um sie zu trösten? Was bewirkt das Leiden der Dissidenten und mutigen Christen in Russland? Nichts! Wir lesen davon in den Zeitungen und legen es mit einem resignierten Achselzucken beiseite.

Dr. Liliane Frey hat den Traum eines sterbenden Patienten veröffentlicht, dessen Leben eine Folge von äusseren Misserfolgen gewesen war. Er träumte: (6) «Eine Stimme... sagte zu mir: «Dein Werk und das Leiden, das Du bewusst durchlitten hast, haben hundert Generationen vor Dir erlöst und werden auf hundert Generationen nach Dir erleuchtend wirken».»

Auch hier ist die Existenz einer jenseitigen Welt das entscheidend Wichtige. In einer nur materiellen Welt besteht kein Trost für diesen Mann.

Aber warum soll dies speziell etwas mit der Gefühlsfunktion zu tun haben? 1st die Anerkennung einer psychischen Wirklichkeit nicht für alle vier Bewusstseinsfunktionen wichtig? Offensichtlich ist die Wertethik «in der Hauptsache ein Produkt der hochdifferenzierten Fühlfunktion» (7), wie Jung schreibt, sie verlangt aber auch eine gewisse Intelligenz, worauf ich später zurückkommen werde. Aber auf jeden Fall kann Ethik nicht ohne differenzierte Gefühle existieren, andernfalls wird sie zu einem starren Code von Verhaltensregeln, d.h. ein rein kollektives Muss. Jeder kann das erleben, wenn z.B. eine einfache Polizeiverorduung schematisch angewendet wird, oder im Grossen sehen wir, wie der Staatsapparat in Russland funktioniert.

Nun könnte aber jemand einwenden: wo sind denn dann die Gefühlstypen, die schliesslich auch in grösserer Zahl in jeder Bevölkerung vorhanden sein sollten? Warum gleichen sie diesen Notstand nicht aus? Wir müssen hier einen Unterschied zwischen dem Vorhandensein von Fühltypen machen und dem kollektiven Zeitstil und der Kollektiveinstellung einer Kultur. Natürlich haben wir viele Fühltypen mit differenziertem Gefühl unter uns, aber die Mode, der Zeitgeist kollektiven Benehmens und Bewertens, anerkennt das Gefühl nicht. Das schwächt den Einfluss des Gefühls sogar bei Gefühlstypen. Ausserdem ist die minderwertige Funktion eines Fühltyps -wie wir wissen- das Denken. Dieses wird daher oft den minderwertigen Zeitströmungen folgen; in unserer Zeit: dem billigen Materialismus und Intellektualismus. So sehen wir z.B. in manchen lateinischen Kulturen eine Vorliebe für die kommunistische Ideologie in ihrer dümmsten Form, wahrend die Leute selber eher weniger gefühllos und unbezogen sind, als manche nichtlateinische Völker. Ich denke hier an Spanien, Italien und manche südamerikanischen Staaten. Was überall so schlimm steht, ist, dass der offizielle Zeitgeist heute das Gefühl entwertet. Wir hören z.B. oft das Urteil (z.B. gegen die Atomkraftgegner), dass sie «nur Gefühlsargumente statt vernünftige Gründe für ihr Anliegen anführen», und zwar mil dem Nebensinn, dass ein Gefühlsargument eo ipso Unsinn ist. Aehnliches zeigt sich bei den Jugendunruhen. Wohlmeinende Instanzen versuchen immer wieder, mit den rebellischen Jugendlichen «vernünftig» (in Anführungszeichen!) zu verhandeln -ganz ohne Erfolg, weil diese Jugendlichen von ganz unklaren, grösstenteils negativen Gefühlen bewegt werden, die sie nicht in eine Denk- oder Empfindungssprache übersetzen konnen. Manche Regierungen schlagen zwar ein ausgesprochen grosszügiges Hilfsprogramm für arbeitslose Jugendliche vor, um ihnen eine Weiterbildung zu ermöglichen. Das ist sicher gut und recht, aber wird es genügend helfen? Wird ein junger arbeitsloser Rebell aufhören zu rebellieren, wenn er ein bisschen mehr Elektronik lernt? Wir wissen, dass die Soviets diese Rebellen teilweise bezahlen, aber genügt es dann, dass wir auch Geld hinlegen? Ich glaube nicht, dass wir da viel ausrichten werden, wenn wir selber auf dem Niveau des vernünftigen materialistischen Denkens bleiben; nicht dass letzteres als Ganzes falsch wäre, es ist nur falsch, wenn wir meinen, es sei das Ganze. Jung schreibt in einem Brief, (8) dass wir «einseitig intellektualistisch und rationalistisch» geworden sind und «ganz vergessen haben, dass es noch andere Faktoren gibt, welche sich durch die Gradlinigkeit der Vernunft und des Verstandes nicht beeinflüssen lassen. Daher sehen wir allerorts ein Aufflammen einer mystischen Emotionalität, we1che man seit dem Mittelalter für verschollen erklärt hatte». Diese ist eine Kompensation des zu schnell erfolgten technischen Fortschritts.

Wir brauchen also mehr als nur Verstand und Vernunft, weil letztere die Jugendlichen nur noch mehr erbost machen; wir sollten ihnen eine schöpferische neue Gesamtsicht des Seins und zwar eine geistige nichtmaterialistische Sicht als Ganzes anbieten können -nach meiner Ansicht sollten wir eine Verbindung mit dem Unbewussten herstellen können, als einer übersinnlichen Wirklichkeit, auf die wir uns nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Gefühl und der Emotion beziehen müssen. Wie steht es dabei mit den zahlreichen Formen östlicher Mystik, die bei uns nun so sehr in Mode kommen? Auch sie werden bei uns zu leicht wieder etwas Intellektuelles, sie wenden sich in erster Linie an das Denken und die Intuition oder als Yogaformen an die Empfindung. Diese Lehren sind nämlich, wie Jung hervorhebt, eigentlich theologische Systeme, die das Individuum und seine individuelle Beziehung zum Göttlichen wenig bis nicht beachten. «Durch zu viel östliches Wissen», schreibt er, (9) «wird... die unmittelbare Erfahrung ersetzt und damit der Zugang zur Psychologie verbaut. Es ist aber begreiflich, dass die Menschen immer alle gangbaren Wege zuerst versuchen, bevor sie sich entschliessen können, den Weg ins Unbetretene zu machen».

Und in einem Brief an Miguel Serrano (l0) schreibt er weiter: «Sie wählten zwei gute Vertreter von Ost und West. Krishnamurti ist ganz irrational und überlasst die Lösungen dem Stillesein, d.h. lässt sie, als zur Mutter Natur gehörig, von selbst geschehen. Toynbee seinerseits glaubt, dass Meinungen gebildet und geformt werden können. Weder der eine noch der andere glaubt an das Blühen und Sich­-Entfalten des Individuums als an ein Experiment und ein zweifelhaftes und bestürzendes Werk des lebendigen Gottes. Ihm müssen wir unsere Augen und Ohren und unseren erkennenden Geist leihen...» (weil Gott in uns zum Bewusstsein gelangen will). «Wir bedürfen dringend einer Wahrheit oder eines Selbstverständnisses, ähnlich dem des alten Aegypten, wie ich es bei den Taos ­Pueblos noch lebendig fand. Der Anführer ihrer Kulte, der alte Ochwiah Biano (Gebirgsee) sagte mir: "Wir sind das VoIk, das auf dem Dach der Welt wohnt, wir sind die Sohne der Sonne, die unser Vater ist. Jeden Tag helfen wir ihm aufzugehen... Dies tun wir nicht nur für uns, sondern auch für die Amerikaner... wenn sie damit fortfahren und uns hindern, dann werden sie erleben, dass in 10 Jahren die Sonne nicht mehr aufgeht". Mit Recht nimmt er an, dass ihr Tag, ihr Licht, ihr Bewusstsein und ihr Sinn sterben, wenn die Beschränktheit des amerikanischen Rationalismus sie zerstört. Und das wird der ganzen Welt geschehen, wenn sie dem gleichen Rationalismus ausgeliefert ist».

Andernorts (11) betont Jung, dass wenn wir die Lehren des Ostens kritiklos übrnehmen, uns offenbar Meinungen wichtiger sind als das Leben im eigenen Innern, sodass die Hoffnung und die befreiende Ekstase der inneren Urerfahrung bald zu einer vorwiegend intellektuellen Bemühung erstarren, sodass wir dann statt Urerfahrung eine als Methode betriebene Nachahmung haben.

Manche östliche Methoden unterdrücken sogar das Unbewusste, statt eine Beziehung zu ihm herzustellen. (12) Dies alles möge genügen, um zu zeigen, dass in Jungs Sicht es keine wahre Ethik geben kann ohne eine lebendige Urerfahrung des Göttlichen. Es gibt sie nicht durch Anhängen an irgend eine theologische oder sonstige Lehre. Urerfahrung kann aber nur vom Einzelnen erlebt werden -was ich nicht erfahren habe, ist für mich Die wirklich real, es kann in meinem Kopf als Idee oder Meinung existieren, aber es ist nicht Erfahrung. Es macht einiges aus, ob ich Elefanten nur aus Büchern kenne und weiss, dass sie existieren, oder ob ich einen gesehen, gerochen, berührt habe. Nur das ist eine wirkliche Erfahrung, wenn ich selber etwas mit allen Funktionen, einschliesslich dem Gefühl, erlebe.

Doch wie steht es dann mit der christlichen Nächstenliebe -ist sie nicht am Ende das, was wir suchen und zu dem wir zurückkehren sollten? Sicherlich war das Christentum zu Beginn weitgehend ein Gefühlserlebnis. Die ersten Christen waren grösstenteils Sklaven und ungebildete Menschen, und ihre Bruder- oder Schwesterliebe zueinander schuf eine fruchtbare Bindung zwischen ihnen. Vie1e frühe Christen rühmten sich sogar, nicht intellektuell zu sein. Aber bald gewannen theologischer Doktrinarismus, dogmatische Streitereien und Verfolgung Andersglaubiger die Oberhand, und die allumfassende Nächstenliebe wurde vom Machtprinzip eingeengt, jenem Erzfeind aller Formen der Liebe.

Das marxistische Schlagwort von der internationalen Solidarität ist in mancher Hinsicht eine Rückkehr zum frühchristlichen Liebesideal, jedoch ohne Begründung im Transzendenten, nur auf die materielle Seite des Seins bezogen.

In unserer Zeit sind alle Nationen der Erde einander technisch, ökonomisch und geistig naher gerückt, und wir bedürfen deshalb besonders eines allgemeinen Gemeinschaftsgefühls. Dies ist sogar einer der Trümpfe in der kornmunistischen Propaganda.(13) Seit das Sovietsystem viele seiner Anhänger in dieser Hinsicht enttäuscht hat, wenden sich manche einem Eurokommunismus und Aehnlichem zu. In Südamerika wird Che Guevara oft buchstäblich als eine Art Held der Liebe gefeiert, besonders von Frauen. Trotz aller Enttäuschungen wenden sich auch zahlreiche Kirchenvertreter aller Konfessionen dem Marxismus zu, weil sie fühlen, dass er dem frühchristlichen Ideal der Nächstenliebe nahesteht. Aber wo immer der Kommunismus zur Macht gelangt ist, hat er gegenteilige Resultate gezeitigt. Jung schreibt: (14) «Die Kollektivsysteme, genannt politische Partei oder Staat: wirken zerstörend auf die menschlichen Beziehungen. Sie können auch leicht zerstört werden, weil die einzelnen Menschen sich noch in einem Zustand der Unbewusstheit befinden, we1cher dem ungeheuren Wachstum und der Fusion der Massen keineswegs gewachsen ist. Wie wir wissen, richtet sich in allen totälitaren Staaten die Hauptbemühung darauf, die persönlichen Beziehungen durch Furcht und Misstrauen zu unterminieren, so das s eine atomisierte Masse entsteht, in der die menschliche Seele vollkornmen erstickt wird. Selbst die Beziehung von Eltern und Kindern, we1che die engste und natürlichste ist, wird durch den Staat zerrissen [...] Die einzige Möglichkeit, dies aufzuhalten, ist die Entwicklung des Bewusstseins des einzelnen Menschen. Dadurch wird er immun gegen die Verlockung der Kollektivorganisationen. Einzig dadurch bleibt seine Seele erhalten, denn ihr Leben beruht auf der menschlichen Beziehung.(15) Der Akzent muss auf der bewussten Menschwerdung liegen und nicht auf der staatlichen Organisation». Und andernorts: (16) «Die Zusammengehörigkeit und das Zusammenleben der Menschheit ist eine der wichtigsten Existenzfragen. Sie ist aber dadurch kompliziert, dass auch das Individuum selbständig vorhanden sein muss, was nur dann möglich ist, wenn die Gemeinschaft einen nur relativen Wert besitzt. Denn sonst überschwemmt sie und vernichtet sogar das Individuum, und dann besteht auch sie nicht mehr. Mit andern Worten: eine echte Gemeinschaft kann nur durch selbständige Individuen gebildet werden, die nur bis zu einem gewissen Grade Gemeinschaftswesen sein können. Nur sie können den in jeden gelegten Gotteswillen erfüllen...» (echte Gemeinschaft braucht «psychologisches Verständnis und Einfühlung in die verschiedenen Standpunkte»).

Viele, meistens linksorientierte Jungendliche experimentieren heute mit dem Leben in einer Kommune, indem sie so verdienstvollerweise eine neue Form von Gemeinschaftsbeziehung ausprobieren. Aber von dem, was ich davon erfahren habe, zu schliessen, brechen solche Kommunen immer wieder auseinander aufgrund innerer Streitigkeiten. Das enthusiastische Gefühl eines liebenden Annehmens der anderen halt nicht durch, wenn es ums Alltagsleben geht, weil es zu idealistisch sentimental undifferenziert ist. Explosive Affekte sprengen infolgedessen die Gemeinschaft. Affekte und Emotionen sind aber die Zeichen eines undifferenzierten Gefühls. Ich habe einige junge Leute, die in Kommunen lebten, analysiert, und es verlief alles wie bei anderen Leuten, auch in Bezug auf ihre Gefühlsbeziehungen, aber es führte meistens dazu, dass sie ihre ursprüngliche Kommune verliessen und sich statt dessen einen Kreis persönlicher Freunde schufen. Heute machen viele eine Art Kult aus Affekten und Emotionen: positiv in Form musikalischer «Happenings» oder negativ durch die Kravalle. Die Kravallanten meinen dabei oft, dass sie Gefühle ausdrücken, was aber nicht ganz wahr ist, denn Gefühle sind nur in primitivem Zustand mit Emotionen gekoppelt, differenziertes Gefühl ist hingegen gar nicht emotional. (17) Bewusst Emotionen und Affekte pflegen ist krankhaft und führt schlussendlich zur Selbstzerstörung. Was aber stimmt also nicht mit der christlichen Nächstenliebe und deren weltlich­materialistischen Fortsetzungen im Sozialismus und Kommunismus? Ihr positiver Aspekt ist ein gewisses allgemein menschliches Mitfühlen, das uns mit allen Menschen verbindet, aber ihr negativer Aspekt ist emotionale kindliche Sentimentalität, welch letztere nichts anderes als die Kehrseite von Brutalität ist. (19) Während unsere alten Damen Wollhöschen für die nackten kleinen Negerlein strickten, zerstörten Sklavenhandler derselben Konfessionen das Leben von Tausenden von schwarzen Menschen. Dies nur als Beispiel dafür, dass Sentimentalität und Brutaität die zwei Seiten einer Sache sind. Wir können also nicht zu einer solchen kindischen christlichen Nächstenliebe zurückkehren, aber wir müssen zu ihr als einer allgemeinen Menschenliebe zurückkehren auf einem höheren Niveau. Wie würde das etwa aussehen? Jung nennt es eine neue Form von Eros (Liebe), die eine ganzmachende, heilende Wirkung hat und die Ausstrahlung einer individuierten Persönlichkeit ist. (20)

Dieser Eros ist nebenbei bemerkt eine weibliches Prinzip. (21) Diese Form der Liebe wurde in der alchemistischen Tradition durch ein seltsames Bild symbolisiert, durch rosenfarbenes Blut, welches der Stein der Weisen oder «homo putissimus» ausschwitzt und alle Menschen heilt. Homo putissimus heisst der reinste oder der echteste (unlegierte) Mensch, im Gegensatz zu Christus, dem homo purissimus, dem reinsten Menschen. (22) Er ist ein Mensch, der alles Menschliche kennt und durch keine fremde Beeinflussung oder Beimischung verfälscht ist. Er werde, heisst es, die Welt am Ende der Zeiten vom Uebel befreien durch sein rosenfarbenes Blut. Dies symbolisiert einen gewissen Eros, der den einzelnen sowie die vielen einigt und ganz macht und den Gefühlsdefekt unseres Zeitalters kompensieren soll, eine Form der Liebe, die mil höherer Selbsterkenntnis und Einsicht verbunden ist. Die bisherige christliche Liebe war zu blind und einsichtslos, man kann durch sie sogar die Inquisition erklären. „Je blinder die Liebe ist,“ sagt Jung, (23) «desto triebhafter ist sie und droht mit destruktiven Folgen, denn sie ist eine Dynamis, welche der Form und der Richtung bedarf». Zu ihrem richtigen Gebrauch bedarf es daher ein erweitertes Bewusstsein und einen höheren Standpunkt, denn ein unbewusster Mensch wird von seinen Projektionen genarrt und kann den anderen darum gar nicht wirklich sehen und lieben, wie er ist. Zu grosse Unbewusstheit des Gefühls erzeugt ferner auch meistens zuerst eine zu grosse, zu intime Nähe, ein urteilsloses Sich-Zusammentun, das dann in einer Enantiodromie durch einen Affektausbruch auseinandergesprengt wird. Eine differenzierte Gefühlsbeziehung hingegen eine gewisse Distanz ein, die in jedem Fall verschieden ist. Jung schreibt in einem Brief: (24) «Die Distanzverringerungen gehören zum wichtigsten und schwierigsten Kapitel des Individuationsprozesses. Die Gefahr ist immer, dass die Distanz bloss einseitig abgebaut wird, woraus unfehlbar eine Art von Vergewaltigung mil nachfolgendem Ressentiment entsteht. Jede Beziehung hat ihr Optimum an Distanz, das natürlich empirisch herausgefunden werden muss... Die Widerstände müssen sorgfältig berücksichtigt werden...» Jung betont, dass dies besonders schwierig zwischen Mann und Frau ist, weil sich dann auch noch die Sexualität einmischt. Eine differenzierte Gefühlsbeziehung wäre also zugleich eine tiefe Einfühlung und persönliche warme Nähe zum anderen als auch ebenso eine gewisse Distanz, ein Verstehen und ein Nichtverstehen, wobei letzteres das schweigende Respektieren des Geheimnisses des anderen Menschen bedeutet. Für einen blind und getrieben Liebenden bringt diese Distanzierung einen grossen Schmerz, aber sie garantiert ihm oder ihr auch seine oder ihre Freiheit, ohne welche Individuation nicht möglich ist. Dies scheint mir ein Punkt von grosser Wichtigkeit und Zukunftsbedeutung zu sein.

Bei einer Diskussion über die Gefahr eines dritten Krieges, diesmal wohl Atomkrieges, hat Jung ausgeführt, dass die einzige Gegenkraft eine weltweit erfassende religiöse Bewegung sein könnte, (25) die zu einer allgemeinen Umkehr führte. Seit Jung dies 1945 schrieb, können wir beobachten, dass Versuche in dieser Richtung an verschiedenen Orten geschehen: eine Wiederbelebung des Islams, Sekten wie die Bahai, die koreanischen Moonies, buddhistische Missionen oder die zahllosen hinduistischen Gurus. Sie alle versuchen, eine solche Weltbewegung auszulösen, nicht zuletzt auch die katholische Kirche, in der noch immer «der Geist die tierische Masse berührt»,(26) wie auch die neuerlichen Ereignisse in Polen wieder dartun. Doch alle so1che re1igiösen Systeme sind leider nicht nur ein rettender Faktor, sie selber haben auch einen gefáhrlichen Schatten. Ein Archetypus, der die Massen bewegt, führt meistens dazu, dass die Leute meinen, sie allein besässen die Wahrheit, sodass sie Andersdenkende deshalb verfolgen. Ausserdem erstreben religiose Führer ähnlich wie politische Führer immer wieder, dass sich der Einzelne völlig mit seiner, der Wahrheit identifiziert, die doch immer auch einseitig bleibt. «Selbst wenn es sich um eine grosse Wahrheit handeln sollte, so wäre die Identifizierung damit doch etwas wie eine Katastrophe, indem sie nämlich die weitere geistige Entwicklung stillstellt. Anstatt Erkenntnis hat man dann nur noch Ueberzeugung, und das ist manchmal viel bequemer und darum anziehender».(27) In anderen Worten: eine weltweite religiöse Bewegung könnte uns zwar vor der geistigen Verwüstung des Materialismus und vielleicht vor einem dritten Weltkrieg retten, hätte aber immer noch den Nachteil, eine gewisse Massenmentalität zu unterstützen. Nur eine bewusste Einsicht in den eigenen Schatten und den Schatten der Archetypen, d.h. der religiösen Mächte, könnte uns davor schützen, von der Massenpsyche und ihrer Neigung zur Selbstzerstörung mitgerissen zu werden. Das aber bedeutet, dass wir eine differenzierte Gefühlsbeziehung -einschliesslich der geforderten Distanz- zu den inneren Mächten entwickeln müssen -eine Ich-Du­ Beziehung zum Selbst, der Gottheit oder dem Numinosum herstellen sollten und nicht statt dessen einen unkritischen religiösen Fanatismus entwickeln, welcher auf einer Besessenheit durch das Numinosum beruht.

Die Gefühlsbeziehung zu den Mitmenschen aussen und zu den archetypischen Mächten innen geht in einer seltsamen Weise Hand in Hand. In seinen Erinnerungen betont nämlich Jung, dass das Kriterium eines Lebens die Beziehung zum Grenzenlosen, d.i. der numinosen Welt des Archetypus ist. (28) «Nur wenn ich weiss, dass das Grenzenlose das Wesentliche ist, verlege ich mein Interesse nicht auf Futilitäten... Letzten Endes gilt man nur wegen des Wesentlichen, und wenn man das nicht hat, ist das Leben vertan. Auch in der Beziehung zum anderen Menschen ist es entscheidend, ob sich das Grenzenlose in ihr ausdrückt oder nicht». Jung meint damit, dass eine tiefere Beziehung zum anderen nur über das Selbst möglich ist. Von Ich zu Ich bestehen meist nur oberflächliche Interessengemeinschaften. Wie das Selbst sich in einer Beziehung auswirkt, kann ich hier nicht mehr ausführen. Jung hat es in seinen Büchern über die Uebertragung und in Mysterium Coniunctionis darzustellen versucht. Immer wieder aber bleibt es ein geheimnisvolles Abenteuer der Liebe.

Es erscheint mir -um nun abzuschliessen- dass heute Jungs Anliegen allmählich besser verstanden wird als zu seinen Lebzeiten, aber dass die ser wesentlichste Punkt, die Rehabilitation des zwischenmenschlichen Eros und einer differenzierteren Gefühlsbezogenheit zum Transzendenten noch viel zu wenig gesehen wird. Zu viele Leute sehen Jungs Darlegungen als ein philosophisches System oder eine Theorie an oder schlimmer als eine kollektive neue Ideologie oder eine neue Richtung psychologischer Theorie, was sie alles nicht sind. Der analytische Prozess ist ein Prozess von rein empirischer Erfahrung, in we1chem die Psychologie schlussendlich sich selber als reine Wissenschaft transzendiert.(29) Im Laufe dieses Prozesses wird alles zur lebendigen Begegnung mit inneren und äusseren Wesenheiten, zu denen wir eine Gefühlsbeziehung herstellen müssen. Jungs Betonung der individuellen Elemente ist dabei bewusst und absichtlich einseitig, um die heute vorherrschende kollektive Einseitigkeit zu kompensieren. «Es gibt», schreibt er um 1934, (30) «immer die beiden Standpunkte und wird sie irnmer geben, nämlich den Standpunkt des sozialen Führers, der, sofern er Idealist ist, das Heil in einer mehr oder weniger vollständigen Unterdrückung des Individuums (zugunsten del Gemeinschaft) sieht, und den geistigen Führer, der eine Besserung nur im Individuum zu erzielen sucht. Ich sehe keine Möglichkeit einer Versöhnung zwischen beiden, da sie ein notwendiges Gegensatzpaar bilden, das die Welt im Gleichgewicht hält». Jung sah seine eigene Aufgabe in der Besserung des Individuums, was eben nicht ohne persönliche und einzigartige Gefühlsbeziehung geht. Vielleicht wird er später einmal in die Geschichte eingehen, als jener gesuchte Ritter, welcher der Gemeinschaft das verschwundene Graalsgefäss, das weibliche Prinzip des Eros, zurückbrachte, d.h. als jener «homo putissimus» del A1chemie, der ein rosenfarbenes Blut ausschwitzt -eine neue Form heilender und ganzmachender Liebe, welche sogar das soeben genannte Gegensatzpaar Kollektiv-Individuum nicht aufheben, aber doch überbrücken könnte.


(1) Brief an Frau Froebe Kapteyn, 16. August 1947, nicht in der dt. Ausgabe. Engl.: Letters.Vol. 1, S. 475, von mir übersetzt.
(2) 'No. 5,1. Juli 1981, S. 13 ff.
(3) L.c.. S. 17/18.
(4) Briefe Bd. Ill, S. 103, Brief vom 11. VI. 1957.
(5) Vgl. ebda Ill, S. 27, Brief v. 26. V. 56. Vgl. Brief v. 9. Vil. 57, ebda, S. 114.
(6) 1m Umkreis des Todes. Daimon, Zürich 1980, S. 34.
(7) Briefe Bd. 1, S. 293, Brief 20. Ill. 37.
(8) Briefe Bd. l, S. 170, 10. X. 33.
(9) 29. Januar 1934, Briefe l, S. 183.
(10) 14. September 1960, Band III, S. 344. Vgl. auch 8. Juni 1943, Briefe l, S. 392 ff. n (11) 9. X. 60, Briefe III, S. 350 f.
(12) Briefe 6. XII. 60, Briefe III, S. 362/3.
(13) Vgl. Ges. Werke, Bd. 10, S. 290 und passim.
(14) 12. Juli 1947, Briefe 11, S. 90.
(15) Meine Hervorhebung.
(16) 17. VIII. 1957, Briefe Bd. III, S. 119. Vgl. auch Briefe vom 8.1.50, Letters Vol. II und 23.9.49. Briefe Bd. 11
(17) Brief 7.2.50, Bd. II, S. 174.
(18) Brief 29.1.42, nur in englischer Ausgabe, Vol. 1, S. 312.
(19) Vgl. Brief 10.5.32, Bd. 1, S. 126.
(20) Von den Würzeln des Bewusstseins. Zürich 1954. Der Philosophische Baum, Kap. 7, S. 411 ff. Das rosenfarbene Blut und die Rose.
(21) Engl. Briefe Vol. 1, S. 465.
(22) Würzeln, 1.c., S. 412.
(23) Würzeln, 1.c., S. 414.
(24) Brief 20.9.28, Briefe Bd. 1, S. 79.
(25) Cf. Brief 12.12.45, Bd. 1, S. 496. 26 Ebenda.
(27) Zit. Von den Würzeln, 1.c., S. 585.
(28) Erinnerungen, Träume, Gedanken Walter Olten 1981, S. 327/8 (llte Aufl.), meine Unterstreichung
(29) Von den Würzeln, Le., S. 590/91.
(30) 19.10.34, Briefe 1, S. 226